Sein Amtsantritt war von Skepsis überschattet - zu eindrucksvoll der Erfolg seines Vorgängers Marcelo Lippi, der Italien zum Fußballweltmeister machte. Im Juli vergangenen Jahres übernahm Roberto Donadoni den Posten des Nationaltrainers der squadra azzura, und nach anfänglichen Schwierigkeiten schaffte der 43-jährige mit Italien die Qualifikation zur Fussball-EM in Österreich und der Schweiz als Gruppenerster. EuroNews traf Donadoni in Mailand zum Gespräch. EuroNews: Das Finale der Fussball-WM lautete Italien gegen Frankreich, bei der Qualifikation zur EM gab es zwei erneute Aufeinandertreffen und als ob das noch nicht genug wäre spielen die beiden in der EM-Gruppenphase schon wieder gegeneinander. Ein unangenehmer Gegner? Donadoni: Im Fußball gibt es keine leichten Gegner. Wir sprechen hier natürlich von einer der stärksten Mannschaften der Welt, die nicht umsonst das Finale der WM erreicht hat, und die nicht umsonst hinter uns Gruppenzweiter in der EM-Qualifikation wurde. Es stimmt, in der letzten Zeit wurde Frankreich so etwas wie unser Stammgegner. Wir spielen also erneut gegen sie. EuroNews: Italien und Frankreich sind die stärksten Mannschaften Europas, sie entwickeln sich jedoch auf sehr unterschiedliche Weise. Frankreich setzt auf Nachwuchsarbeit, Italien nicht. Welches Modell bevorzugen Sie? Donadoni: Nun, ich würde zunächst sagen, daß Italien und Frankreich nicht die stärksten Teams in Europa sind. Es gibt andere Mannschaften, die ebenfalls auf sehr hohem Niveau spielen, man kann vielleicht sagen, daß sie weniger Tradition haben als wir, mehr aber auch nicht. Sicher, die große Mehrheit der starken Teams kommt aus Europa, und genau das macht die Europameisterschaft so unvorhersehbar und spannend. Das französische Modell der Nachwuchsarbeit kann durchaus als Vorbild dienen, es hat schon beachtliche Erfolge erzielt, und wir sollten uns in Italien davon inspirieren lassen. EuroNews:Raymond Domenech provoziert gerne, ist dabei aber immer sehr konkret. Ist es so schwierig im Fußball, Phrasendrescherei zu vermeiden? Donadoni: Das weiß ich nicht, es hängt immer davon ab, was man sagen will. Wichtig ist aber nicht nur zu reden, sondern auch zu handeln. Sehen Sie, wenn jemand morgens aufwacht und anschließend einen Vortrag über den Hunger in der Welt hält, dann wird man ihm mit Interesse zuhören. Danach muß man ihn aber auch daran messen, was er tut, um diesen Hunger zu bekämpfen. EuroNews: Kann man sich erlauben, einen Trézéguet nicht aufzustellen? Donadoni: Es ist nicht meine Aufgabe zu beurteilen, wie sich andere entscheiden, denn ich weiß, wie schwierig es ist ein, ein korrektes Urteil über einen Spieler zu fällen. Das ist sehr schwierig. Ich kann nur sagen, daß Trézéguet ein Ausnahmespieler ist, einer der weltbesten Angreifer. Aber meine Entscheidung, ob er spielt oder nicht, ist das nunmal nicht. EuroNews: Sie galten einst als Symbolfigur im italienischen Fußball, die all die Skandale vergessen lassen wollte. Sind Sie das immer noch? Donadoni: Ich fühle mich nicht als Symbol, ich will nur sagen, was ich denke, und tun, was ich für richtig halte. Ich will kein Vorbild sein, sondern jemand, der durch seine Taten deutlich macht, was er denkt. Denn das gibt es heutzutage viel zu wenig. EuroNews: Hat der italienische Fußball von früheren Skandalen gelernt oder ist alles beim Alten geblieben? Donadoni: Ich denke nicht, daß alles beim Alten geblieben ist. Es haben sich durchaus Dinge verändert. Ich würde mir aber von Entscheidungsträgern stärkere Signale wünschen. Alle zufriedenstellen können wird man ohnehin nicht. Manchmal wenn Sie Entscheidungen treffen, dann tun sie anderen damit weh. Wenn das aber der Gemeinschaft nützt, dann muß man es tun. EuroNews: Gibt es professionelle Tifosi in Italien? Donadoni: Ich denke schon und ich bin absolut gegen so eine Entwicklung. Seine Mannschaft zu unterstützen ist sehr wichtig und auch etwas sehr Schönes. Aber daß das zum Business wird, daß jemand sein Geld damit verdient, das kann nicht in Ordnung sein. EuroNews: Capello ist Englands Nationalcoach geworden, im Alter von 61 Jahren. Sie sind mit 43 deutlich jünger und der Trainer des Weltmeisters. Was raten Sie ihm? Donadoni: Also, Moment mal. Ich habe ihm überhaupt keine Ratschläge zu erteilen. Es ist nicht meine Art, jemandem Ratschläge zu erteilen, der viel mehr geleistet hat als ich. Ich glaube aber durchaus, daß jeder immer die Möglichkeit hat, etwa dazu zu lernen. Wenn ich mir Capello zum Vorbild nehme, dann kann ich etwas lernen, zum Beispiel. Es kann anders herum aber genau so sein, daß Capello, wenn er meine Arbeit analysiert, etwas Positives für sich herausziehen kann. EuroNews: Nationalspieler bekommen sehr viel Geld von ihren Vereinen. Muß man die Clubs entschädigen, wenn sie sich bei internationalen Einsätzen verletzen? Donadoni: Ich denke, daß die Nationalmannschaft schon fast so etwas wie ein Kulturerbe ist. Das Nationaltrikot zu tragen bedeutet Leidenschaft, Wille und Hingabe. Das haben mir meine Spieler in den letzten Monaten gezeigt, das war eine zu höchst professionelle Einstellung. Verletzungen können immer passieren, aber Entschädigungen zu verlangen, wäre übertrieben. EuroNews: Übt man bei der Aufstellung Druck auf Sie aus? Donadoni: Das ist mir bislang wirklich noch nicht passiert, und ich hoffe auch, daß das nie passieren wird. Denn darüber wäre ich sehr böse. EuroNews: Wir danken für das Gespräch.